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Ein Interveiw von Clemens Draws

Clemens Draws von a-guide sprach mit Helmut Krausser

u.a. über seinen aktuellen Roman EROS.

Wir danken für

die freundliche Überlassung.

 

„Ich habe alles erreicht, was ich erreichen wollte“

 

Ein Interview mit dem Schriftsteller Helmut Krausser über seinen neuen Roman »Eros«, den Literaturbetrieb und das, was die Zukunft bringen wird

 

Helmut Krausser, Jahrgang 1964, ist einer der Großen der deutschen Gegenwartsliteratur. Sein Stern ging Anfang der 90er-Jahre mit dem Außenseiter-Roman »Fette Welt« auf. Es folgten zwei kühne und sehr ambitionierte Werke, die Kraussers Ruf als vielversprechendster Autor seiner Generation begründeten: »Melodien« (1993) und »Thanatos« (1996). Seine danach veröffentlichten Bücher (u.a. »Der große Bagarozy«, »Die Schmerznovelle«, »UC«) riefen in schöner Regelmäßigkeit sowohl begeisterte Zustimmung als auch heftigste Ablehnung hervor; es gibt unter den deutschsprachigen Schriftstellern kaum einen, der so polarisiert, wie es Helmut Krausser tut. Krausser hat bis zum heutigen Tag nicht nur acht Romane geschrieben, sondern auch zahlreiche Erzählungen, Gedichte, Hörspiele und Theaterstücke. Ein Schlüssel zu diesem umfangreichen Werk sind seine hochinteressanten und nur zu empfehlenden Tagebücher aus den Jahren 1992 bis 2004. Über sie schrieb Daniel Kehlmann vor einiger Zeit: »Diese Diarien werden gelesen werden, solange Menschen sich für deutsche Literatur interessieren.«

 

Vor einigen Monaten erschien »Eros«, Helmut Kraussers neuester Roman. Die Handlung: Der todkranke Industrielle Alexander von Brücken erzählt einem Schriftsteller die Geschichte einer lebenslangen Obsession – über Jahrzehnte hinweg hat dieser Mann seine Jugendliebe Sofie verfolgt, beobachtet und zu lenken versucht. Helmut Krausser zeichnet in »Eros« nicht nur das Porträt eines manisch Liebenden, sondern gleichzeitig auch ein deutsches Gesellschaftspanorama vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zu den letzten Tagen der DDR.

 

Herr Krausser, Ihr aktueller Roman »Eros« mag so manche Erwartung enttäuscht haben. Er enthält – ganz im Gegensatz beispielsweise zur »Schmerznovelle« – kaum Schilderungen körperlicher Liebe.

»Eros« ist der letzte Teil meiner Tetralogie über die meiner Meinung nach zentralen Themen der Literatur: Verwandlung des Gewesenen (»Melodien«), die Konsequenzen der Zeit bzw. Zeitlichkeit (»UC«) und, flapsig gesagt, Liebe (eben »Eros«) und Tod (»Thanatos«). Aber weil ein Hyperbegriff wie Eros in zehntausend Facetten und Spielarten zerfällt, habe ich beschlossen, im Buch kaum explizit erotische Passagen aufzunehmen, außer den Eros der frischen ersten Verliebtheit, den Eros der Macht und den Eros des unerfüllten, aber längst schon sublimierten Verlangens.

 

Ist »Eros« die Geschichte einer Liebe oder die einer Obsession?

Ab einem gewissen Zeitpunkt ist Alexander sich seiner Obsession natürlich bewusst und entscheidet sich bewusst, für diese Obsession zu leben. Sofie sein Leben zu widmen. Dass er ihr nicht immer nur hilft, weiß er ja nicht. Er ist ein wahrhaft und wahnhaft Liebender. Am Schluss seines Lebens steht er nicht etwa vor dem Nichts, aber das, was war, und da war viel, droht verloren zu gehen. Deshalb will er es, als Destillat sozusagen, in einen Roman abfüllen lassen. Um es für die Nachwelt zu konservieren. Das Buch hat im Grunde gar keinen so traurigen Schluss. Auf seine, etwas mönchische Weise hat Alexander sein selbst erwähltes Ziel verfolgt, konsequent – und Sofie wird frei.

 

Sie nennen Alexander einen »wahrhaft und wahnhaft Liebenden«. Glauben Sie, dass gerade in dieser übersteigerten, obsessiven Form das Wesen der Liebe besonders deutlich hervortritt? Wollten Sie auch deshalb eine solch abgründige Geschichte erzählen?

Ich weiß nicht, was das Wesen der Liebe sein soll. Dafür fänden sich Myriaden von Definitionen. Alexander ist ein Liebender, auf seine Weise. Die Geschichte ist nicht so abgründig, wie sie im ersten Moment klingt. So etwas passiert tagtäglich Hunderttausende Male, nur in viel kleinerem Umfang. Machtspielchen, Bevormundung, Besitzstreben, Beeinflussung usw. In meinem Roman ist das nur auf 50 Jahre hin gedehnt und mit der Zeitgeschichte verwoben. Eine makroskopische Struktur des alltäglichen Beziehungskleinkriegs. Nur dass hier die beiden Protagonisten keine Beziehung im eigentlichen Sinne unterhalten.

 

»Eros« wurde von Ihnen ursprünglich als Drehbuch konzipiert; verfilmt werden sollte der Stoff von dem mit Ihnen befreundeten Regisseur Tom Tykwer. Woran scheiterte dieses Filmprojekt letztendlich?

So genau steht gar nicht fest, ob das Projekt für alle Zeit gescheitert ist. Tom meinte zu meinem Drehbuch nur, das sei ein 5-Stunden-Film und die ersten 15 Minuten würden allein schon 50 Millionen Euro kosten. Er ist dann den leichteren Weg gegangen und hat sich fürs »Parfüm« entschieden. Ich meine, »Eros« wäre ein idealer Dreiteiler für die ARD. Drei mal 90 Minuten.

 

Sie hatten in der Vergangenheit keine Scheu davor, Ihre Bücher innerhalb des eigenen Werks einzuordnen und in gewisser Weise auch zu bewerten. »UC« haben Sie beispielsweise als die Summe Ihres Schaffens bezeichnet. Welchen Stellenwert hat »Eros« für Sie?

»UC« ist das beste, das waghalsigste, das einzigartige und unwiederholbare, »Thanatos« knappe Nummer zwei, »Eros« ungefähr gleichauf. Bücher lassen sich schwer in Ranglisten pressen.

 

Von den Literaturkritikern wurde »Eros«, wenn ich das richtig verfolgt habe, größtenteils eher negativ aufgenommen. Hat Sie das irritiert?

Ähmm. Von fast 300 Kritiken waren über 240 positiv. So eine gute Quote hatte ich nie. Auch kam keines meiner Bücher bei der Leserschaft so gut an und hat sich so viel verkauft. Ihr Eindruck entstand wohl durch die fast gleichzeitigen Verrisse in FAZ und SZ, das waren persönliche Rachekritiken. Im Spiegel und dem Focus hatte ich Hymnen. Eben vor drei Stunden haben wir die Lizenz in die USA verkauft.

 

Da habe ich dann wohl wirklich einen falschen Eindruck bekommen. Die Verrisse in der SZ und FAZ waren ungewöhnlich aggressiv. War das eine Antwort auf Ihre manchmal sehr selbstbewusste und herausfordernde Art? In einem drei Jahre zurückliegenden Interview haben Sie gesagt: »Nennen Sie mir fünf Literaturredakteure der führenden Zeitungen und Sie haben ein Quartett Volltrottel zusammen.« Bekommt man so etwas über kurz oder lang zurück?

Na klar, der Betrieb ist auf Eitelkeit und Machtspielen aufgebaut. Bei der SZ handelte es sich sogar um eine eingestandene Auftragskritik. Aber ich möchte das nicht vertiefen. Gute Bücher halten das aus.

 

Wenn man sich die Sekundärliteratur über Sie anschaut, fällt auf, dass Sie fast unisono als einer der besten deutschen Schriftsteller unserer Zeit bezeichnet werden, Ihre Bücher aber nicht selten als ein Versprechen auf eine noch größere Zukunft gelesen werden. Ärgert Sie das – vor dem Hintergrund Ihres umfangreichen und gewichtigen Werks?

Ich habe bis jetzt alles erreicht, was ich erreichen wollte. Viel mehr steht nicht auf dem Plan. Das, was einige von mir wollen, will ich offenbar nicht. Und ganz bewusst nicht. Das sollten jene Leute wohl endlich einsehen.

 

Sie haben in letzter Zeit öfters anklingen lassen, sich nach dem Abschluss der Tetralogie eventuell ausschließlich auf die Lyrik konzentrieren zu wollen. Sie haben sogar von »Rücktritt « gesprochen. Ist das immer noch Stand der Dinge?

Zurzeit mache ich erst mal alle liegen gelassenen Projekte fertig, d.h., gleich kommt bei marebuch die »Kartongeschichte« und im Februar ’08 kommt bei DuMont der Puccini-Roman, der aber halb dokumentarischen Charakter hat. Den habe ich ’97 als Drehbuch begonnen, dann liegen gelassen, aber erst 2006 ist das entscheidende Dokument aufgetaucht, das mir (nach 14-monatiger Recherche) erlaubt hat, ihn fertig zu schreiben. Danach habe ich keine neuen Pläne, sagen wirs mal so. Lyrik und Theater will ich aber immer schreiben, ganz klar.

 

Der Roman wird sich um die mysteriöse Puccini-Geliebte Corinna drehen?

Im ersten Teil ja, genau. Dazu musste ich ihre Identität enthüllen. Im September erscheint bei belleville ein eigenes kleines Buch, »Die Jagd nach Corinna«, das die Recherche beschreibt. Es war zum Mäusemelken. Spannend und frustrierend. Und am Ende, mit Glück im Spiel, doch noch von Erfolg gekrönt.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

http://www.a-guide.de/

 

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Zuletzt aktualisiert 10/2017